Heinrich der Löwe
Eine Biographie
Heinrich
der Löwe, aus dem Geschlecht der Welfen war der Sohn Heinrichs des
Stolzen (X.), Herzog von Bayern und Sachsen, und Gertrud von Sachsen.
Er wurde vermutlich Ende des Jahres 1129 oder zu Beginn des Jahres
1130 geboren. Über den genauen Zeitpunkt, den Geburtsort oder die
Geburtsumstände ist von den Chronisten dieser Zeit nichts berichtet
worden. Obwohl die Kindheit und Jugend selbst herausragender
Persönlichkeiten des Mittelalters dadurch im Dunkeln zu liegen
scheint, nehme ich an, dass dies nicht nur auf der Geringschätzung
dieser Lebensperiode beruht. Die Schwerpunktsetzung bei der Erziehung
und Ausbildung adeliger Fürstensöhne dürfte sich im allgemeinen nur in
wenigen Punkten unterschieden haben. Sicherlich wurde Heinrich eine
durch und durch ritterliche Ausbildung zu Teil, die vor allem Wert auf
den Umgang mit Waffen und Rüstungen sowie die Reitkunst legte. Man
darf ihn jedoch nicht nur als einen grobschlächtigen Elitekrieger
darstellen, der Entbehrungen und körperliche Anstrengungen gewöhnt
war. Auch im höfischen Umgang dürfte er unterrichtet worden sein.
Zudem müssen wir ihn uns als einen „praktizierenden Christen“
vorstellen - Heinrich wurde 1135 im Alter von ca. 5 Jahren getauft -
der, auch wenn er das Lateinische weder lesen noch schreiben konnte,
die Botschaft des Evangeliums kannte.
Heinrich wurde in eine Zeit hineingeboren, die durch den staufisch-welfischen Gegensatz, die Auseinandersetzung seines Vater Heinrich mit dem deutschen König Konrad III (1138-1152), geprägt war. 1138 wurde Heinrich d. S. als Nächstberechtigter und mächtigster Fürst des Deutschen Reiches durch das Prinzip der Wahl bei seinem Anspruch auf die Königskrone übergangen. Zwar händigte er die Reichsinsignien an Konrad III. aus, der verlangte jedoch den Verzicht Heinrichs d. S. auf die Herzogtümer Sachsen und Bayern und die Huldigung des Herzogs. Dies verweigerte er, worauf ihm beide Herzogtümer aberkannt und er geächtet wurde.
Auch Heinrich d. L. muss sich dieser Situation,
die auch auf ihn gewirkt hat, bewusst gewesen sein, so dass er einen
Einblick sowohl in die wechselhafte Position seines Geschlechtes als
auch in die Reichspolitik gehabt haben dürfte.
Nach dem Tode
seines Vaters (1139) und seiner Großmutter Richenza, der Witwe des
deutschen Königs und Kaisers Lothars II. (1075-1137), die zunächst die
Führung des Geschlechts übernommen hatte, folgte auf Bemühen Konrads
II. eine Phase der Aussöhnung zwischen den beiden Geschlechtern. Auf
dem Frankfurter Reichstag von 1142 erhielt der noch sehr junge
Heinrich das Herzogtum Sachen zurück, das Herzogtum Bayern wurde
jedoch an Heinrich Jasomirgott aus dem Geschlecht der Babenberger
(1114-1177) verliehen.
In Sachsen beschäftigte sich Heinrich mit der
Neuordnung Nordelbingens und breitete durch den Erwerb der Stader
Erbschaft (1145) seine Herrschaft bis ins nordöstliche Sachsen aus.
Als die deutschen und französischen Fürsten sich unter der Leitung
Konrads III. und Ludwigs VIII. von Frankreich zum 2. Kreuzzug
(1147-1149) rüsteten, klagte Heinrich auf die Rückgabe des Herzogtums
Bayern, das wie er meinte, seinem Vater zu Unrecht entzogen worden
war. Doch der König verschob die Entscheidung darüber. Daraufhin
weigerte sich Heinrich, sowie große Teile des sächsische Adels, am
Kreuzzug teilzunehmen. Stattdessen wurde er zum Wendenkreuzzug
verpflichtet, den er 1147 antrat. Dieses Unternehmen blieb jedoch ohne
erkennbaren Erfolg. Seinen Anspruch auf Bayern konnte Heinrich zur
Regierungszeit Konrads II. nicht mehr durchsetzen.
Ab 1149, in
der Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Erzbischof Hartwig von
Hamburg-Bremen erhob Heinrich als Markgraf Anspruch auf die
Wiedererrichtung der seit 1066 nicht mehr bestehenden ostelbischen
Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg/Schwerin. Außerdem
beanspruchte er das Recht der Investitur der Bischöfe für sich.
Mit dem Regierungsantritt Friedrichs I. (1152) begann erneut eine
Phase des Versuchs der Versöhnung der beiden mächtigsten
Herrschergeschlechter des Deutschen Reiches. Heinrich selbst hatte
sich, nach voriger Absprache, für die Wahl seines Vetters
ausgesprochen, der dann auch einhellig von den deutschen Fürsten
angenommen wurde. Schließlich erkannte Friedrich I., dessen Interesse
mehr auf die Italienpolitik gerichtet war, den Nordosten des Reiches
als Interessensgebiet Heinrich an. Nachdem Heinrich im Jahre 1152 die
Reichsvogtei Goslar und die Winzenburger Besitzungen (Westrand des
Harzes) zugesprochen bekam, erhielt er außerdem, nachdem Heinrich
Jasomirgott den Ladungen zum Rechtsverfahren nicht Folge geleistet
hatte, im Jahr 1154 auf dem Hoftag zu Goslar das Herzogtum Bayern.
Außerdem verlieh Friedrich I. ihm das Königsrecht der
Bischofsinvestitur in den nordelbischen Bistümern.
Heinrich
begleitete Friedrich I. auf dessen ersten Italienzug (1154/55) und
leistete dem König bei dessen Kaiserkrönung Hilfe. Nachdem Friedrich
I. die Anerkennung des römischen Senats abgelehnt hatte und es zu
einem Aufstand der Römer gekommen war, musste Heinrich zusammen mit
seinen sächsischen Rittern die Krönung in der Peterskirche vor
Übergriffen absichern.
Nach der Rückkehr aus Italien wurde 1156 in
Regensburg die Frage um den Besitz des Herzogtums Bayern endgültig
geklärt. Heinrich wurde nun das um die zum Herzogtum umgewandelte
Markgrafschaft Österreich verminderte Herzogtum Bayern zugesprochen.
In den Folgejahren bemühte er sich, Bayern zu einem ertragreichen Land
auszubauen, indem er versuchte, die Kontrolle über die wichtigsten
Handels- und Verkehrsstraßen zu gewinnen und seine Einnahmen
zusätzlich durch die Errichtung eines neuen Marktes, der später das
Fundament für die Stadt München bildete, zu erhöhen.
Sein
Hauptaugenmerk richtete Heinrich jedoch auf das Herzogtum Sachsen und
den Norden des Reiches allgemein. Die Festigung und der Ausbau seiner
Herrschaftsgewalt war sein Hauptanliegen. Seit 1158 gelang es Heinrich
d. L. durch mehrere Züge ins Slawenland zusammen mit dem dänischen
König Waldemar I. seinen Machtbereich bis an die Peene (Insel Usedom)
auszubauen, wobei 1160 der Obodritenfürst Niclot dem Tod fand. Es
gelang Heinrich jedoch nicht seine Stellung durch
Ministerialenverwaltung zu festigen, so dass er 1167 Niclots Sohn
Pribislaw im Lande einsetzen musste.
Nach einer Dauer von 15
Jahren wurde 1162 die Ehe Heinrich d. L. mit Clementia von Zähringen
geschieden. Es mag viele Vorwände für diese Scheidung gegeben haben,
den Grund dürften jedoch politische Momente gegeben haben, denn
Heinrich d. L. gab dadurch auch ein langjähriges Bündnis mit dem Hause
Zähringen auf. Diese Entscheidung fiel zu Gunsten der Annäherung des
Hauses der Welfen an die Staufer, denn alte Gegensätze zwischen
Staufern und Zähringern waren durch territoriale Konflikte wieder
verschärft worden.
In den Jahren 1159 bis 1166 widmete sich
Heinrich hauptsächlich dem Ausbau der Strukturen im Herzogtum Sachsen.
1159 gründete er mit der Hilfe einiger Kaufleute die Stadt Lübeck neu
und sicherte ihr durch Handelsverträge eine starke Rolle im
Ostseehandel. 1166 erweiterte er Braunschweig um die Hagenstadt,
errichtete die Burg Dankwarderode und stiftete zu Ehren des hl.
Blasius einen großen Kirchenbau. Als Sinnbild seiner herzoglichen
Macht ließ er auf dem Burghof ein Löwendenkmal errichten, das als
Zeichen seiner Gerichtshoheit galt. In weiteren Orten wie Stade,
Bremen, Hannover und Lüneburg wurden die Stadtgründungen durch
Heinrich weitergeführt oder durch die Verleihung von Stadtrechten zum
Abschluss gebracht, hierfür fehlen jedoch in manchen Städten Urkunden,
die über den genauen Hergang Auskunft geben könnten.
Während
des alexandrinischen Schismas, bei der Papstwahl 1159 wurden zwei
Päpste gewählt, unterstützte Heinrich die Position Friedrichs.
Auf dem 2. Italienzug des Kaisers (1158-62), auf dem Friedrich I. die
Rückgabe der von den autonom gewordenen Stadtstaaten eingezogenen
Reichsgüter und Reichsrechte fordert, leistet Heinrich Hilfe bei der
Belagerung und Eroberung Cremas und war auch bei den Kämpfen vor
Mailand beteiligt.
Nachdem Heinrich 1165 auf dem Würzburger
Reichstag einen Eid im Bezug auf Friedrichs
Unversöhnlichkeitserklärung abgab, Alexander II. nie als Papst
anzuerkennen, wurde die starke Bindung zwischen Herzog und Kaiser
klar. Auch vermittelte Heinrich d. L. im kaiserlichen Auftrag zusammen
mit den Erzbischöfen von Mainz und Köln den Frieden zwischen England
und Frankreich. 1168 heiratet Heinrich die englische Königstochter
Mathilde.
In Sachsen regte sich jedoch Widerstand gegen
Heinrichs rücksichtsloses Regiment. Seine Absicht, die eroberten
Gebiete in Mecklenburg-Vorpommern durch Ministerialien verwalten zu
lassen, schlug fehl. Heinrichs Versuch der Errichtung einer
herzoglichen Obergewalt über die reichsunmittelbaren Dynasten war
gescheitert. Seine Gegner schlossen sich in immer neuen Koalitionen
gegen ihn zusammen und bekämpften ihn hart. Das große Fürstenbündnis
von 1166 und die Kämpfe in Ostsachsen konnten nur durch die
Vermittlung des Kaisers im Jahre 1168 beigelegt werden. Auf der Höhe
seiner Macht unternahm Heinrich d. L. 1172 eine Pilgerfahrt nach
Jerusalem, bei der er in Byzanz und Jerusalem königsgleich empfangen
wurde.
Aus dieser übermächtigen Stellung heraus begann der
„Fall“ des Herzogs. Bei einer persönlichen Begegnung zwischen ihm und
dem Kaiser (Anfang 1176 in Chiavenna), bei der ihn Friedrich I. um
militärische Unterstützung in Italien bat, machte Heinrich seine Hilfe
von der Rückgabe der Stadt Goslar abhängig, die er 1168/69 verloren
hatte. Doch Friedrich lehnte diese Forderung ab. Nun war Heinrich zwar
nicht verpflichtet Hilfe zu leisten, doch hätte nach der ihm durch den
Kaiser geleisteten Hilfe ein Eingreifen Heinrichs zugunsten Friedrichs
erwartet werden können.
In der Weigerung des Herzogs lag wohl
nicht der Grund für die folgenden Verfahren gegen ihn, es war aber
zumindest eine Ursache für die veränderte Position des Kaisers
gegenüber dem sächsischen Herzog.
1177 waren während der
Abwesenheit des Kaisers, der sich auf seinem fünften Italienzug
befand, die Kämpfe in Sachsen erneut mit aller Schärfe ausgebrochen.
Nach der Rückkehr Friedrichs erhob sowohl der Herzog als auch seine
Gegner im Jahr 1178 in Speyer Klage. Nach der Annahme der Klage der
Gegner Heinrichs begann 1179 zunächst das landrechtliche Verfahren
wegen Landfriedensbruch gegen den Herzog. Da Heinrich den Ladungen
nicht Folge leistete, wurde über ihn auf einem Reichstag in Magdeburg
im Jahr 1179 wegen Nichterscheinens vor Gericht (Kontumaz) die Acht
verhängt. Da auch ein persönliches Treffen zwischen dem Kaiser und
Heinrich d. L. ergebnislos blieb und die Kämpfe in Sachsen wieder
ausbrachen, strengte Friedrich I. ein zweites, lehnsrechtliches
Verfahren wegen Nichtachtung seiner kaiserlichen Majestät an. Auch
diesmal folgte der Herzog den Ladungen zum Verfahren nicht, so dass in
Würzburg im Jahr 1180 Heinrich durch Fürstenspruch die Reichslehen
aberkannt wurden. Außerdem verfiel Heinrich ein Jahr nach dem
Achtspruch der Oberacht, deren Konsequenz die Rechtlosigkeit war.
Sowohl das Herzogtum Sachsen als auch des Herzogtum Bayern wurden
neu verliehen. Es begann nun der allgemeine Reichskrieg gegen den
rechtlosen Heinrich, der sich zunächst noch in Nordsachsen und in den
Gebieten rechts der Elbe halten konnte. Im Jahr 1181 brach jedoch auch
hier sein Widerstand zusammen, und er musste sich auf dem Reichstag zu
Erfurt dem Kaiser unterwerfen. Zunächst wurde Heinrich verpflichtet,
sich in die Verbannung zu begeben, dies tat er dann auch im Sommer
1182, als er zu seinem Schwiegervater Heinrich II., König von England,
begab. 1184 kehrte er während des Mainzer Hoftags und 1185 endgültig
nach Deutschland zurück. Dies geschah zunächst auf der Grundlage eines
Bündnisabkommens zwischen Friedrich I. und Heinrich II. von England.
Die Wiedereinsetzung in die alten Rechte unterblieb jedoch, und so
konnte Heinrich zu Beginn des 3. Kreuzzuges (1189-1192), an dem er
nicht teilnehmen wollte, abermals in die Verbannung geschickt werden.
Im Herbst 1189 kehrte er jedoch zurück. Der Erzbischof von Bremen
belehnte ihn wieder mit der Grafschaft Stade. Nachdem er in Lübeck
aufgenommen wurde, die Lauenburg erobert hatte und der neue deutsche
König Heinrich VI. (1190-1197) mit den sizilianischen Erbfall
beschäftigt war, konnte Heinrich seine Position festigen. 1194 kam es
zwischen dem Kaiser und Heinrich zu einem Kompromissfrieden, an den
sich der Welfe jedoch nicht hielt. Weitere Bemühungen zur
Wiedererlangung seiner Macht schlugen fehl.
Erst kurz vor
Heinrichs Tod (1195) kam es bei einer persönlichen Zusammenkunft in
Tilleda am Kyffhäuser zwischen ihm und dem Kaiser zu einer Aussöhnung.
Seine letzte Ruhestätte fand Heinrich im Dom zu Braunschweig.
Die politischen Leistungen Heinrichs erschöpfen sich nicht nur in
einer angeblichen Opposition gegenüber dem deutschen König und Kaiser
oder seiner strengen Regierungsweise, auch wenn in diesen Punkten viel
Kritik geübt werden kann, sondern sind vielmehr in dem neuen Konzept
des Versuches zur Errichtung einer Art „Territorialverwaltung“ zu
sehen, das jedoch durch seine Radikalität in der Durchführung
gescheitert ist. Die Eroberung und Befriedung der ostelbischen Gebiete
bildet jedoch die Grundlage für deren spätere Besiedlung und
Missionierung.
Neben den politischen Errungenschaften Heinrichs
sind vor allem seine kulturellen Leistungen zu nennen. Durch die
Förderung von Künsten und Literatur, sowie durch den Bau der
Braunschweiger Stiftskirche St. Blasius schuf er das Vorbild eines
„weltmännischen Fürsten“. Aus dem von Heinrich in Auftrag gegebenen
Evangeliar, das zu den bedeutendsten Werken der Buchmalerei des
Mittelalters zählt, stammen die Worte, die ich als Abschuss meiner
Betrachtung gewählt habe:
„Diese goldene Seite bezeugt dem
Leser, dass der fromme Herzog Heinrich und seine Gemahlin von ganzem
Herzen die Liebe zu Christus über alles andere stellten. Von Königen
stammt sie ab, er von Kaisern. [...]“.
Maik Hager (1999)
Literatur
-
Biegel, Gerd, Heinrich der Löwe. Kaiserenkel, Kaiserfreund, Kaiserfeind, Braunschweig 1996.
-
de Winter, Patrick M. Der Welfenschatz. Zeugnis sakraler Kunst des Deutschen Mittelalters, Hannover 1986.
-
Ehlers, Joachim, Heinrich der Löwe. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter, Göttingen 1997.
-
Jakobs, Herrmann, Kirchenreform und Hochmittelalter 1046-1215, Oldenburg Grundriss der Geschichte, Bd. 7, München 19994.
-
Jordan, Karl, Heinrich der Löwe. Eine Biographie, München 19964.
-
Klemm, Elisabeth, Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, Frankfurt a. M. 1988.
Abbildung:
Liegende Grabfiguren Heinrichs des Löwen und der Mathilde Plantagenet. Kalkstein, max. Länge 2,37 m, frühes 13. Jh., Braunschweig, St. Blasius; entnommen aus: de Winter (1986), S. 11-12.
